Jedes Kind braucht ein Zuhause

~Erster Teil~

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In dem kleinen Städtchen „Irgendwo“, weit draußen am Stadtrand, gab es ein altes Gemäuer mit einer riesigen, schweren, eisenbeschlagenen Pforte.

Obwohl dieses düstere, unfreundliche Gebäude eher wie ein Gefängnis aussah, wurden hier die Waisenkinder der Stadt und die Kinder, die aus sozialen Gründen von ihren Familien getrennt wurden, untergebracht.

Vom Sozialamt wurde Marie Müller, eine erfahrende Kinderfrau,

als Betreuerin bestimmt. Zur Unterstützung bekam sie Verena Landgraf, eine junge Sozialpädagogin, die gerade erst ihr Studium beendet hatte, zugeteilt.

Die beiden Frauen hatten alle Hände voll zu tun, aber weil sie sich sehr gut verstanden, war es kein Problem, den Kindern den Aufenthalt im Kinderheim so angenehm wie möglich zu gestalten

 

 

 

Kapitel 1

Das Findelkind

 

 

Es wurde  langsam Herbst, die Blätter an den Bäumen verfärbten sich und nachts wurde es schon ungemütlich kalt.

In einer solchen Nacht schreckte Verena plötzlich aus ihrem Schlaf auf.

„Ist das der Wind, der so heult?“ dachte sie „oder vielleicht ein herumstreuender Hund oder eine Katze, die jault?“ Verena drehte sich auf die andere Seite um weiterzuschlafen, schließlich hatte sie die Frühschicht, das hieß: Kinder rechtzeitig wecken, das Frühstück zubereiten und servieren damit die Kinder den Schulbus nicht verpassten.

 

 

Da war schon wieder dieses Geräusch. „Hört sich eher an, wie ein leises Weinen“ stellte Verena fest. „Vielleicht ist eines der Kinder krank oder weint, weil es schlecht geträumt hat.“ Verena konnte jetzt sowieso nicht mehr schlafen. Sie stand auf, sprang schnell unter die Dusche und zog sich an.  Als sie nach unten kam und in die Schlafräume sah, war alles ruhig.

 

Doch da war es wieder, dieses Wimmern. Verena sprach mit sich selbst: „Das bilde ich mir doch nicht ein! Das kommt von draußen.“

Innerlich zitternd, öffnete sie vorsichtig die große, schwere Eingangspforte.

Und dort lag es, wie ein kleines Häufchen Unglück – Verena traute ihren Augen nicht, da lag doch tatsächlich ein Baby vor der Tür, einfach so abgelegt, wie ein altes Möbelstück, das keiner mehr wollte.

 

Behutsam hob sie das Baby auf und knuddelte es erst einmal liebevoll. „Das darf doch nicht wahr sein, wer ist so grausam? Oder ist das nur ein böser Traum?“ waren Verenas erste Gedanken. Doch das Weinen des Babys sagte ihr, dass das hier die Realität war.

Mit dem Findelkind auf dem Arm, betrat Verena die hohe Eingangshalle. „Sicher bist du hungrig!“  sprach sie mit dem Baby „So, nun gibt es erst mal ein Fläschchen.“ 

Noch immer etwas durcheinander, fütterte sie in der Küche das kleine Menschlein. „Da haben wir ja Glück, dass noch eine Flasche Babynahrung da ist.“

Als Verena das Baby gebadet und frisch gewickelt hatte, stellte sie unweigerlich fest, dass es ein kleiner Junge war, den sie da so friedlich im Arm hielt. „Jetzt brauchst du nur noch einen Namen“ sprach sie liebevoll mit dem Kleinen, „Jetzt hab‘ ich‘s, Wilfried – Wilfried, das passt zu dir.“

„So mein kleiner Schatz, nun schlaf gut und träum was Schönes.“ Dann legt sie den kleinen Wilfried zum Schlafen in das viel zu große Kinderbett. „Was man als erstes in einem neuen Bettchen träumt, geht ganz sicher in Erfüllung.“

Verena sah erschrocken auf die Uhr. „Was, schon so spät? Die Kinder müssen bald aufstehen und das Frühstück ist auch noch nicht zubereitet“ rief sie sich selbst zur Disziplin. In der Küche bereitete sie dann schnell das Müsli zu. „Das werden die Kinder schon verstehen, wenn ich ihnen erzähle, warum es heute nur Müsli zum Frühstück gibt“ beruhigte Verena sich selbst.

„Guten Morgen, Monika“ begrüßte sie eine kleine Heimbewohnerin, die erst vor kurzem von der Sozialbetreuerin gebracht wurde. „Hast du gut geschlafen?“ Und dann erzählte Verena, von dem Baby, das sie vor der Tür gefunden hatte.

Monika drängelte so lange, bis Verena ihr endlich das Findelkind zeigte.

„Oh,… der ist ja süß“ brachte sie zuerst nur heraus „so süß. Doch dann stand ihr Mund vor Begeisterung gar nicht mehr still. “Können wir den behalten?“ Wollte sie wissen „ ist das jetzt mein kleines Brüderchen?“ und „Ich möchte doch so gerne mit ihm spielen und singen“ …und…und…und. „Halt! Stop!“ Musste Verena sie bremsen „erst einmal muss der kleine Mann schlafen und du ganz schnell duschen und dich anziehen und Frühstücken. Der Schulbus kommt in einer halben Stunde!“

Die Unruhe, die im ganzen Haus herrschte, hatte Marie’s Neugierde geweckt. Sie kam in die Küche geeilt mit den Worten: „Was ist denn hier los? Hab‘ ich wohl wieder das Wichtigste verpasst! Ich glaub ich werde alt.“ Schnell servierte sie das Müsli für die Kinder, die vor lauter Aufregung fast den Schulbus verpasst hätten. Als die Schulkinder aus dem Haus waren, kehrte endlich wieder etwas Ruhe ein.

Die beiden Frauen kümmerten sich abwechselnd sehr liebevoll um den Jungen, so dass es ihm an nichts mangelte und er sich prächtig entwickelte.

Besonders von Verena war  Wilfried sehr angetan. Er kreischte vor Wonne, wenn sie ihn hochnahm und strahlte übers ganze Gesicht, wenn sie mit ihm sprach.

 

 

 

Kapitel 2